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Wie Pharmaunternehmen von siloartigen Daten zu prozessgesteuerten ERP-Modellen wechseln können

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Zusammenfassung Viele in der EU ansässige Pharmaunternehmen arbeiten nach ...

Andy Thompson By Published: Feb 10, 2026 7 Minuten Lesezeit

Zusammenfassung

Viele in der EU ansässige Pharmaunternehmen arbeiten nach wie vor mit isolierten Datenmodellen, bei denen Stammdaten, Transaktionsdaten und Prozessverantwortlichkeiten auf einzelne Abteilungen wie Beschaffung, Qualitätssicherung, Fertigung oder Finanzen beschränkt sind. Dieses Modell mag sich zwar organisch entwickelt haben, steht jedoch zunehmend im Widerspruch zu den Realitäten moderner ERP-Systeme, den regulatorischen Anforderungen der EU und datengesteuerten Betriebsmodellen.

 

ERP-Implementierungen – insbesondere SAP S/4HANA und vergleichbare Tier-1-Plattformen – zwingen Unternehmen dazu, sich einer grundlegenden Frage zu stellen:

Automatisieren wir bestehende Silos oder gestalten wir das Unternehmen rund um End-to-End-Prozesse neu?

In diesem Artikel wird erläutert, wie Pharmaunternehmen eine ERP-Implementierung als Katalysator nutzen können, um von einem silobasierten Datenmodell zu einem prozessgesteuerten Datenmodell überzugehen, das auf Prozessarchitekturen der Stufen 1 bis 6 basiert und mit den GxP-Validierungs-, Datenintegritäts- und EU-Compliance-Anforderungen im Einklang steht.

 

1. Kontext: Warum ERP-Programme Schwächen des Datenmodells in der Pharmaindustrie aufdecken

ERP-Implementierungen in pharmazeutischen Umgebungen sind aufgrund folgender Faktoren von Natur aus komplex:

  • GxP-Validierungsanforderungen (IQ/OQ/PQ)
  • Erwartungen an die Datenintegrität (ALCOA+)
  • Regulierte Stammdaten (Materialien, Chargen, Lieferanten, Spezifikationen)
  • EU-weite Aktivitäten an mehreren Standorten und in mehreren Ländern
  • Starke Trennung zwischen Qualität und Betrieb

In siloartigen Organisationen decken ERP-Projekte häufig Folgendes auf:

  • Widersprüchliche Stammdatendefinitionen
  • Doppelte Datenverantwortung
  • Inkonsistente Prozessvarianten
  • Manuelle Abstimmung zwischen Systemen
  • Hoher Validierungsaufwand aufgrund unkontrollierter Schnittstellen

Ohne eine Auseinandersetzung mit dem zugrunde liegenden Datenmodell laufen ERP-Programme Gefahr, zu teuren Systemmigrationen statt zu Geschäftstransformationen zu werden.

 

2. Das isolierte Datenmodell in Pharmaunternehmen verstehen

 

2.1 Was ist ein isoliertes Datenmodell?

Ein isoliertes Datenmodell liegt vor, wenn:

  • Jede Abteilung ihre eigenen Stammdaten besitzt und pflegt
  • Datenstrukturen organisatorische Grenzen widerspiegeln, nicht Prozesse
  • Der Datenaustausch ist begrenzt, manuell oder schnittstellenabhängig
  • Die Prozessverantwortung endet an den Abteilungsgrenzen

Typische Beispiele für Silos in der Pharmaindustrie

Abteilung Silo-Datenverantwortung

Beschaffung Lieferantenstamm, Preise, Verträge

Qualität Spezifikationen, Abweichungen, Änderungsprotokolle

Fertigung Stücklisten, Arbeitspläne, Chargen

Lieferkette Prognosen, Bestandsparameter

Finanzen Kostenstellen, Bewertung, GL-Zuordnungen

Jeder Datensatz ist lokal optimiert, aber global nicht aufeinander abgestimmt.

 

2.2 Warum Silo-Modelle in der Pharmaindustrie bestehen bleiben

Silo-Datenmodelle sind oft das Ergebnis von:

  • Historisch gewachsenen Best-of-Breed-Systemlandschaften
  • Regulatorischer Vorsicht und Risikovermeidung
  • Starker Abteilungsautonomie (insbesondere QA)
  • Inkrementellen System-Upgrades statt Neugestaltung
  • Validierungsbedenken, die funktionsübergreifende Änderungen einschränken

Diese Strukturen sind zwar verständlich, führen jedoch zu systemischen Ineffizienzen.

 

2.3 Risiken der Beibehaltung isolierter Datenmodelle während der ERP-Implementierung

Aus ERP-Sicht führen isolierte Datenmodelle zu:

  • Komplexen Anpassungen, um „alte Verhaltensweisen anzupassen”
  • Übermäßigen Stammdatenvarianten
  • Erhöhtem Test- und Validierungsaufwand
  • Schwacher End-to-End-Berichterstattung
  • Begrenztem Automatisierungspotenzial

Aus regulatorischer Sicht erhöhen sie:

  • Risiken für die Datenintegrität
  • Auditergebnisse aufgrund unklarer Datenverantwortlichkeiten
  • Manuelle Kontrollen und Workarounds

3. Das prozessgesteuerte Datenmodell: Eine strategische Alternative

 

3.1 Definition: Was ist ein prozessgesteuertes Datenmodell?

Ein prozessgesteuertes Datenmodell organisiert Daten anhand von End-to-End-Geschäftsprozessen und nicht nach Abteilungen.

Wichtige Merkmale:

  • Prozesse gehen über organisatorische Einheiten hinaus
  • Daten werden einmal erstellt und prozessübergreifend wiederverwendet
  • Die Eigentumsverhältnisse werden auf Prozessebene definiert
  • Das ERP-System wird zum System der Aufzeichnung und nicht zum Datenaggregator

Abteilungen „besitzen” keine Daten mehr – sie interagieren mit Daten über Prozesse.

 

3.2 Prozessarchitektur: Stufe 1 bis Stufe 6

Ein robustes prozessgesteuertes Modell basiert auf einer strukturierten Prozesshierarchie:

Stufe 1 – Wertschöpfungskette

  • Von der Beschaffung bis zur Bezahlung
  • Von der Planung bis zur Produktion
  • Von der Bestellung bis zum Zahlungseingang
  • Von der Aufzeichnung bis zum Bericht
  • Von der Idee bis zur Markteinführung

Ebene 2 – End-to-End-Prozesse

  • Purchase to Pay (P2P)
  • Fertigungsausführung
  • Chargenfreigabe
  • Änderungskontrolle
  • Finanzabschluss

Ebene 3 – Teilprozesse

  • Lieferanten-Onboarding
  • Bestellanforderung
  • Wareneingang
  • Rechnungsprüfung

Ebene 4 – Aktivitäten

  • Lieferanten anlegen
  • Bestellanforderung genehmigen
  • Wareneingangskontrolle durchführen

Ebene 5 – Transaktionen

  • SAP ME21N, MIGO, MIRO
  • QM-Prüflosanlage

Stufe 6 – Datenobjekte

  • Lieferantenstamm
  • Materialstamm
  • Chargenprotokolle
  • Prüfmerkmale

Daten sind das Ergebnis der Prozessausführung – nicht der Präferenzen einer Abteilung.

 

4. Praktisches Beispiel: Purchase to Pay (P2P)

 

4.1 Silo-basiertes P2P-Modell

In einer silo-basierten Umgebung

  • Die Beschaffung verwaltet die Lieferantendaten
  • Die Qualitätssicherung verwaltet die Lieferantenqualifikation separat
  • Die Finanzabteilung verwaltet die Zahlungsbedingungen unabhängig
  • Die Fertigung verwaltet die Materialverbrauchsregeln

Ergebnisse:

  • Doppelte Lieferantendatensätze
  • Inkonsistenter Genehmigungsstatus
  • Manuelle Abstimmungen
  • Prüfungsrelevante Lücken

4.2 Prozessgesteuertes P2P-Modell

In einem prozessgesteuerten Modell:

  • Purchase to Pay ist das primäre Konstrukt
  • Lieferantenstammdaten unterstützen:
    • Beschaffung
    • Qualitätsqualifikation
    • Finanzabrechnung
  • Der Qualitätsstatus ist in den Lieferanten- und Materialstamm integriert
  • Die Kontrollen werden über Workflows automatisiert

Ergebnis:

  • Einzige Quelle der Wahrheit
  • Klare Datenverantwortung
  • Reduzierter Validierungsumfang
  • Stärkere Compliance

5. ERP als Wegbereiter – nicht als Treiber

Ein häufiger Fehler ist die Annahme, dass ERP-Systeme eine Prozessorientierung schaffen.

In Wirklichkeit

  • ERP-Systeme sorgen für Konsistenz
  • Sie decken Fehlausrichtungen auf
  • Sie belohnen Standardisierung
  • Sie bestrafen Fragmentierung

ERP sollte behandelt werden als:

Eine treibende Kraft für Prozessdisziplin – nicht als Workaround-Plattform.

 

6. Übergangsstrategie: Vom Silo zum Prozess während der ERP-Implementierung

 

6.1 Phase 1 – Prozessermittlung vor dem Systemdesign

Wichtige Aktivitäten:

  • Definition der Prozesse der Stufen 1–3
  • Identifizierung der regulatorisch relevanten Prozessschritte
  • Einigung auf globale vs. lokale Prozessvarianten
  • Zuordnung der aktuellen Datenverantwortung zur zukünftigen Prozessverantwortung

Ergebnisse:

  • Prozessarchitektur
  • RACI pro Prozess
  • Datenverantwortungsmodell

6.2 Phase 2 – Harmonisierung der Stammdaten

Schwerpunkte:

  • Materialstamm
  • Lieferantenstamm
  • Stücklisten und Arbeitspläne
  • Qualitätsstammdaten

Grundsätze:

  • Ein Objekt, ein Eigentümer
  • Ein Erstellungsprozess
  • Eine Genehmigungslogik

6.3 Phase 3 – Auf Prozesse abgestimmte ERP-Konfiguration

ERP-Designentscheidungen sollten folgenden Grundsätzen folgen:

  • Prozess zuerst
  • Konfiguration vor Anpassung
  • Standard-Workflows, wo möglich
  • Klare Aufgabentrennung

6.4 Phase 4 – Validierung (IQ/OQ/PQ) mit Fokus auf Prozesse

Prozessgesteuerte Modelle reduzieren den Validierungsaufwand durch:

  • Reduzierung der Schnittstellen
  • Vereinfachung der Testfälle
  • Ausrichtung der Tests auf reale Geschäftsabläufe
  • Verbesserung der Rückverfolgbarkeit

Die Validierung verlagert sich von Transaktionstests hin zur Prozesssicherung.

 

7. Regulatorische und EU-spezifische Überlegungen

 

7.1 Ausrichtung an GxP und Datenintegrität

Prozessgesteuerte Datenmodelle unterstützen:

  • ALCOA+-Prinzipien
  • Klare Datenherkunft
  • Definierte Verantwortlichkeiten
  • Automatisierte Kontrollen

7.2 Regulatorische Erwartungen der EU

Relevante Rahmenwerke sind unter anderem:

  • EU-GMP Anhang 11
  • EU-GMP Kapitel 4 (Dokumentation)
  • EMA-Leitlinien zur Datenintegrität
  • ISO 9001 / ICH Q10

Prozesstransparenz wird zunehmend erwartet – sie ist keine Option mehr.

 

8. Häufige Fallstricke und wie man sie vermeidet

Fallstrick Minderung

Automatisierung von Silos Zuerst Prozesse neu gestalten

Übermäßige Anpassung Standard-ERP-Prozesse verwenden

QA-Isolation Qualität in Prozesse einbetten

Lokale Optimierung Globale Prozess-Governance durchsetzen

Späte Datenentscheidungen Daten frühzeitig definieren

 

9. Rolle des Änderungsmanagements

Prozessgesteuerte Modelle erfordern:

  • Kulturellen Wandel
  • Wechsel von „meine Daten” zu „unser Prozess”
  • Starke Unterstützung durch die Führungskräfte
  • Klare Kommunikation der Vorteile

Ohne Change Management lässt sich der technische Erfolg nicht in geschäftlichen Nutzen umsetzen.

 

10. Warum dies für die langfristige Digitalisierung wichtig ist

Ein prozessgesteuertes Datenmodell ermöglicht:

  • Fortschrittliche Analysen
  • KI-gestützte Qualitätseinblicke
  • Durchgängige Transparenz
  • Skalierbare digitale Transformation
  • Schnellere Reaktion auf regulatorische Anforderungen

Es macht das Unternehmen über das ERP-Programm hinaus zukunftssicher.

 

Fazit

Der Übergang von einem isolierten Datenmodell zu einem prozessgesteuerten Datenmodell ist keine Nebentätigkeit – es ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für ERP-Implementierungen in EU-basierten Pharmaunternehmen.

Diejenigen, die erfolgreich sind, implementieren nicht nur ERP-Systeme.

Sie gestalten die Arbeitsweise des Unternehmens neu.

 

Wichtige Erkenntnisse und Empfehlungen

  • ERP-Implementierungen decken Schwächen des Datenmodells auf – nutzen Sie dies strategisch
  • Siloartige Datenmodelle erhöhen Kosten, Risiken und Validierungsaufwand
  • Prozessgesteuerte Datenmodelle passen sich auf natürliche Weise an ERP- und EU-Vorschriften an
  • Beginnen Sie mit Prozessen der Stufen 1–3, bevor Sie mit dem Systemdesign beginnen
  • Definieren Sie die Datenverantwortung auf Prozessebene, nicht auf Abteilungsebene
  • Integrieren Sie Qualität und Compliance in Prozesse, nicht in parallele Systeme
  • Behandeln Sie das Änderungsmanagement als Kernaufgabe, nicht als Nebensache
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