Die ERP-Branche marschiert seit rund einem Jahrzehnt aggressiv in Richtung Cloud-Bereitstellungen.
Nahezu alle großen Softwareanbieter verfolgen eine klare „Cloud-First"-Strategie. Anbieter wie NetSuite, Salesforce und Workday haben die Skalierbarkeit und vor allem die Profitabilität durch wiederkehrende Abonnementeinnahmen eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Laut aktuellen Analysen von Gartner wird der Anteil cloudbasierter ERP-Deployments bis 2028 auf über 65 Prozent steigen.
Doch trotz dieses Momentums übersehen viele Unternehmen – insbesondere im Mittelstand – signifikante blinde Flecken bei dieser Entwicklung. Wir bei Dreher Consulting möchten diese kritischen Risiken beleuchten. Denn wenn wir den aktuellen Kurs unreflektiert beibehalten, droht uns in den 2030er Jahren eine handfeste Cloud-ERP-Krise, die Unternehmen in ihrer Handlungsfähigkeit massiv einschränken wird.
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Kernthese: Die Cloud-First-Strategie der ERP-Anbieter dient primär deren Geschäftsmodell – nicht zwingend den langfristigen Interessen der Anwenderunternehmen. Wer heute nicht gegensteuert, verliert morgen die Kontrolle über seine geschäftskritischen Prozesse.
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1. Die Illusion der grenzenlosen Flexibilität: Warum Sie die Kontrolle verlieren
Ein Hauptgrund für die drohende Krise ist der schleichende Kontrollverlust. Unternehmen übergeben die Steuerung ihrer essenziellen Geschäftsprozesse an Cloud-Anbieter und deren Technologen, die allein entscheiden, wie die Software in Zukunft funktioniert, welche Module weiterentwickelt werden – und welche nicht.
Zwar locken Cloud-Anbieter derzeit mit standardisierten „Best Practices" und Prozessen, die eine schnelle Skalierung versprechen. Doch betrachtet man einen Zeithorizont von fünf bis fünfzehn Jahren, ergibt sich ein anderes Bild: Ihr Unternehmen wird sich weiterentwickeln, neue Märkte erschließen, Geschäftsmodelle adaptieren. Aus unserer Erfahrung in über 500 ERP-Projekten wissen wir, dass die Standardtechnologie nicht zwingend im gleichen Takt mit den individuellen Bedürfnissen Ihrer Organisation mitwachsen wird.

Praxisbeispiel: Wenn der Anbieter gegen Ihre Interessen entscheidet
Softwareanbieter treffen strategische Entscheidungen, die der Mehrheit ihrer Kundenbasis nutzen – aber nicht jedem einzelnen Unternehmen. So kann es passieren, dass essenzielle Module, auf denen ein Großteil Ihres Umsatzes beruht, vom Anbieter eingestellt, grundlegend verändert oder in ein kostenpflichtiges Zusatzpaket überführt werden. In der Cloud-Welt sind Sie diesen langfristigen Anbieterentscheidungen weitaus stärker ausgeliefert als es bei klassischen On-Premise-Lösungen der Fall war.
Dieser Kontrollverlust widerspricht einem Grundprinzip solider Unternehmensführung: der Hoheit über geschäftskritische Infrastruktur. Frameworks wie ITIL und COBIT betonen explizit die Notwendigkeit, die Steuerung über IT-Services in der eigenen Organisation zu verankern – nicht bei Dritten.
2. Die Kostenfalle: Warum Cloud-ERP langfristig teurer ist
Ein weit verbreiteter Mythos, den wir in der strategischen Beratung regelmäßig hinterfragen, ist die Annahme, Cloud-Systeme seien in der Gesamtkostenbetrachtung (Total Cost of Ownership, TCO) günstiger als der Betrieb eigener On-Premise-Software. Diese Aussage hält in nahezu keinem Kundenumfeld einer kritischen Prüfung stand.

TCO-Vergleich: Cloud vs. On-Premise über 10 Jahre
| Kostenfaktor |
Cloud-ERP |
On-Premise-ERP |
| Lizenz-/Abo-Kosten (10 Jahre) |
Kontinuierlich steigend (ø 5–8 % p.a.) |
Einmalige Lizenz + Wartung (ø 18–22 % p.a.) |
| Infrastrukturkosten |
Im Abo enthalten, aber nicht steuerbar |
Eigene Kontrolle, Abschreibung möglich |
| Anpassungskosten |
Eingeschränkt, oft Zusatzkosten |
Flexibel, intern steuerbar |
| Exit-Kosten |
Sehr hoch (Datenmigration, Neukonfiguration) |
Moderat |
| Verhandlungsspielraum |
Gering nach Vertragsabschluss |
Höher durch Eigentumsrechte |
Die Nettokosten, die Sie an den Softwareanbieter zahlen, sind in der Regel höher als jemals zuvor bei On-Premise-Lösungen. Das Modell gleicht dem Leasing eines Fahrzeugs: Die Raten enden nie. Schlimmer noch – langfristig steigen die operativen Ausgaben durch eskalierende Vertragsbedingungen und neue Preismodelle der Anbieter massiv an. Branchenanalysten beobachten durchschnittliche jährliche Preiserhöhungen zwischen 5 und 8 Prozent bei den führenden Cloud-ERP-Anbietern.
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Dreher Consulting Empfehlung: Erstellen Sie vor jeder Cloud-ERP-Entscheidung eine unabhängige TCO-Analyse über mindestens 7–10 Jahre. Berücksichtigen Sie dabei nicht nur die direkten Abo-Kosten, sondern auch indirekte Faktoren wie Schulung, Datenportabilität und potenzielle Exit-Kosten. Nutzen Sie einen First-Principle-Ansatz, um die tatsächlichen Kostentreiber von Anbieterversprechungen zu trennen.
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3. Der Verlust der „Secret Sauce": Warum Standardisierung Ihren Wettbewerbsvorteil gefährdet
Der vielleicht kritischste Aspekt der Cloud-ERP-Migration betrifft das geistige Eigentum und die differenzierenden Geschäftsprozesse eines Unternehmens. Bei traditionellen On-Premise-Modellen hatten Organisationen die maximale Flexibilität, die Software durch individuellen Code genau an ihre Bedürfnisse anzupassen. Heute wird diese Praxis oft herablassend als „Old School" abgetan.
Dabei übersehen viele Führungskräfte einen entscheidenden Punkt: Genau in diesen Anpassungen steckt häufig die sogenannte „Secret Sauce" – die einzigartigen Arbeitsabläufe und das intellektuelle Eigentum, das Ihnen einen echten Wettbewerbsvorteil verschafft. Es ist der Grund, warum Kunden sich für Sie entscheiden und nicht für den Wettbewerber.
Standardisierung heißt Durchschnitt – nicht Best Practice
Standardisierte Cloud-Software „von der Stange" bietet keine echten Best Practices, die für jedes individuelle Unternehmen perfekt passen. Was Anbieter als „Best Practice" vermarkten, sind in Wirklichkeit Durchschnittsprozesse – der kleinste gemeinsame Nenner über tausende Kunden hinweg. Michael Porter hat dies in seiner Wettbewerbsstrategie klar formuliert: Nachhaltige Wettbewerbsvorteile entstehen durch Differenzierung, nicht durch Konformität.

Wenn Sie bei der Migration in die Cloud diese Individualisierung aufgeben, opfern Sie einen Teil Ihrer unternehmerischen DNA. Hinzu kommt, dass zukünftige Upgrades von den Anbietern erzwungen werden – unabhängig davon, ob der Zeitpunkt oder die neuen Funktionen für Ihr Geschäft sinnvoll sind. Und wenn Sie dann irgendwann das System wechseln müssen, steht Ihnen ein massiv aufwändiger und kostspieliger Migrationsprozess bevor.
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„Wenn alle Wettbewerber dieselben standardisierten Prozesse nutzen, gibt es keinen Prozessvorteil mehr. Differenzierung entsteht nur dort, wo Unternehmen bewusst von der Norm abweichen." – Strategischer Grundsatz der Dreher Consulting Beratungsphilosophie
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4. Strategische Handlungsempfehlungen: So sichern Sie Ihre ERP-Zukunft
Wir raten nicht dazu, sich dem unvermeidlichen Trend zur Cloud komplett zu verschließen – ein Großteil der zukunftsfähigen Lösungen wird cloudbasiert sein. Entscheidend ist jedoch, wie Sie den Übergang gestalten. Wir empfehlen bei Dreher Consulting folgende strategische Maßnahmen, um die Kontrolle über Ihre geschäftskritischen Systeme zu behalten.
Empfehlung 1: Vermeiden Sie den Single-Vendor-Lock-in
Setzen Sie nicht Ihre gesamten Geschäftsoperationen auf eine einzige Karte. Eine bewusste Diversifizierung durch die Nutzung mehrerer ERP-Systeme oder ergänzender Best-of-Breed-Lösungen ist eine sinnvolle Absicherung. Zwar führt dies aus rein technologischer Sicht zu einer höheren Integrationskomplexit, doch dieses Risiko ist vertretbar, um das weitaus größere geschäftliche Risiko einer totalen Abhängigkeit zu minimieren.
Konkreter Ansatz: Definieren Sie Ihre Kernprozesse nach dem First-Principle-Ansatz. Identifizieren Sie, welche Prozesse standardisierbar sind und welche Ihre Differenzierung ausmachen – und wählen Sie die Technologie entsprechend.
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Empfehlung 2: Setzen Sie auf Cloud-Plattformen statt starrer Applikationen
Prüfen Sie den Einsatz von Cloud-Plattformen, die Ihnen nicht nur eine einzelne, vorgefertigte Applikation liefern, sondern auch die Möglichkeit bieten, eigene, maßgeschneiderte Anwendungen innerhalb der Plattform zu entwickeln. So kombinieren Sie die Vorteile standardisierter Cloud-Lösungen mit der nötigen Flexibilität für Ihre einzigartigen Kernprozesse.
Konkreter Ansatz: Evaluieren Sie Plattformen nach dem Kriterium „Erweiterbarkeit" gemäß ISO 25010 (Software-Qualitätsmodell). Achten Sie auf offene APIs, Low-Code/No-Code-Entwicklungsmöglichkeiten und die Möglichkeit, eigenen Code in einer geschützten Umgebung bereitzustellen.
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Empfehlung 3: Verankern Sie ERP als strategische Chefsache
Die Wahl und Gestaltung der ERP-Strategie ist keine reine IT-Entscheidung. Es handelt sich um eine fundamentale Führungs- und Strategiefrage, die auf höchster Managementebene getroffen werden muss – unter Berücksichtigung langfristiger Risiken, Kosten und der strategischen Unternehmenswerte.
Konkreter Ansatz: Etablieren Sie ein ERP-Steering-Committee auf C-Level-Ebene (CEO, CFO, CIO). Definieren Sie ERP-Governance-Richtlinien analog zu bewährten Frameworks wie COBIT oder ITIL. Lassen Sie die ERP-Strategie regelmäßig durch unabhängige Berater validieren.
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Empfehlung 4: Sichern Sie Ihre Datenhoheit vertraglich ab
Bevor Sie einen Cloud-ERP-Vertrag unterzeichnen, verhandeln Sie klare Regelungen zur Datenportabilität, zu Exit-Szenarien und zur Datenhoheit. Stellen Sie sicher, dass Ihre Daten jederzeit in einem standardisierten Format exportierbar sind und dass vertragliche SLA-Garantien die Verfügbarkeit und Integrität Ihrer geschäftskritischen Daten absichern.
Konkreter Ansatz: Orientieren Sie sich an den Vorgaben der ISO 27001 (Informationssicherheit) und der DSGVO. Definieren Sie Exit-Klauseln, die maximale Übergangsfristen und Datenbereitstellungspflichten des Anbieters festschreiben.
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Fazit: Cloud ja – aber mit strategischem Augenmaß
Die Cloud-Transformation der ERP-Landschaft ist kein vorübergehender Trend, sondern eine strukturelle Verschiebung. Doch genau deshalb verdient sie eine strategisch fundierte Begleitung, die über das Marketingversprechen der Anbieter hinausgeht. Unternehmen, die heute nicht aktiv gegensteuern, riskieren in den 2030er Jahren eine erhebliche Einschränkung ihrer Handlungsfähigkeit – durch Abhängigkeiten, steigende Kosten und den Verlust differenzierender Geschäftsprozesse.
Bei Dreher Consulting unterstützen wir mittelständische Unternehmen dabei, den schmalen Grat zwischen Cloud-Innovation und strategischer Kontrolle erfolgreich zu navigieren. Unser Ansatz basiert auf unabhängiger, herstellerneutraler Beratung, die nicht den Interessen der Softwareanbieter folgt, sondern ausschließlich Ihren unternehmerischen Zielen.
Über den Autor
Harald Dreher ist Gründer und Geschäftsführer von Dreher Consulting. Seit über 25 Jahren begleitet er mittelständische Unternehmen in der DACH-Region bei der strategischen Auswahl, Einführung und Optimierung von ERP-Systemen. Sein Beratungsansatz verbindet betriebswirtschaftliche Tiefe mit technologischem Verständnis – stets herstellerneutral und ausschließlich im Interesse seiner Klienten.
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