Das Wichtigste in Kürze Bewertungsmatrizen mit Gewichtungen bestätigen häufig eine bereits gefallene Vorentscheidung; belastbar wird die Wahl durch K.o.-Kriterien, begründete Punktevergaben und eine Sensitivitätsprüfung der Gewichte.
Bewertungsmatrizen mit Gewichtungen bestätigen häufig eine bereits gefallene Vorentscheidung; belastbar wird die Wahl durch K.o.-Kriterien, begründete Punktevergaben und eine Sensitivitätsprüfung der Gewichte.
Stage-Gates sind vorab vereinbarte Prüfpunkte mit den Optionen fortführen, nachverhandeln oder abbrechen – vereinbart vor der Vertragsunterschrift, nicht im laufenden Projekt.
In einen ERP-Vertrag gehören Abnahmekriterien aus eigenen Testfällen, Change-Request-Regeln mit Freigabeverfahren, Ausstiegsoptionen je Projektphase und abschließend beschriebene Mitwirkungspflichten.
Eine dokumentierte Entscheidungsvorlage mit Optionen, Kriterien und Annahmen macht die ERP-Entscheidung gegenüber Beirat, Bank und der eigenen Organisation prüfbar – auch Jahre später.
Dreher Consulting begleitet ERP-Entscheidungen seit 1992 herstellerneutral: über 1.200 Projekte im DACH-Mittelstand, ohne Implementierungsumsätze und ohne Anbieterprovisionen.
Serie „ERP-Entscheidungssicherheit", Artikel 2 von 3
Zwischen Anbieterauswahl und Vertragsunterschrift entscheidet sich, wie viel Kontrolle ein Unternehmen im ERP-Projekt behält. In der Praxis wird die Wahl mit einer Bewertungsmatrix begründet, deren Gewichte niemand geprüft hat, und der Vertragsentwurf des Anbieters weitgehend unverändert unterschrieben. Abbruchpunkte, Abnahmekriterien und Change-Request-Regeln bleiben ungeregelt – bis sie im Projekt fehlen.
Die Studie „ERP in der Praxis 2024/25" (Trovarit AG, 2024) nennt fehlende Budgettreue als eines der größten Probleme – über Budgettreue entscheiden Vertragsregeln, nicht gute Vorsätze.
Eine verbreitete Fehlannahme lautet: „Der Standardvertrag des Anbieters ist marktüblich, daran lässt sich wenig ändern." Verhandelbar ist vor der Unterschrift fast alles – danach fast nichts.
Bewertungsmatrizen wirken objektiv, sind aber leicht steuerbar: Wer die Kriterien auswählt, die Gewichte setzt und die Punkte vergibt, bestimmt das Ergebnis. Stammt der Kriterienkatalog aus der Vorlage des bevorzugten Anbieters, bestätigt die Matrix die Vorentscheidung. Eine Rangfolge, die bei kleinen Gewichtsänderungen kippt, trägt keine Millionenentscheidung.
Anbieter erstellen die Unterlagen, auf die sich der Käufer bei der ERP-Entscheidung stützt: Vertragsentwurf, Preisblatt, oft auch die Kriterienvorlage der Matrix. Vergütet werden sie für den Vertragsabschluss, nicht für das Eintreffen ihrer Prognosen. Diese strukturelle Anreizasymmetrie ist keine Unredlichkeit. Sie erklärt aber, warum überzeugende Entscheidungsvorlagen und enttäuschende Projektverläufe so häufig dasselbe Projekt beschreiben.
Zwei Projekte zeigen das Vorgehen von Dreher Consulting in der Entscheidungs- und Vertragsphase – in der Lebensmittelindustrie und in der Produktion. Beide Praxisfälle folgen demselben Muster: Ausgangslage, Befund, Vorgehen, Ergebnis, eigene Fehleinschätzung und Konsequenz für die Methodik. Kundennamen nennen wir aus Vertraulichkeitsgründen nicht.
Beide Praxisfälle folgen demselben Muster
Ein Unternehmen der Lebensmittelindustrie in Italien hatte zwei ERP-Anbieter mit einer gewichteten Bewertungsmatrix verglichen; der Favorit der Projektleitung gewann knapp. Der Beirat zweifelte an der Herleitung und verlangte eine prüffähige Entscheidungsvorlage. Dreher Consulting hat die Matrix geprüft, die Bewertung neu aufgebaut und die Entscheidung dokumentiert.
Ausgangslage. Lebensmittelindustrie, rund 600 Mitarbeiter. Phase: Anbieterentscheidung vor der Freigabe durch die Geschäftsleitung. Auslöser: Geschäftsleitung und Gesellschafter verweigerten die Freigabe auf Basis der Auswahl-Matrix.
Was wir vorgefunden haben. Der Kriterienkatalog stammte in Teilen aus einer Vorlage des favorisierten Anbieters. Die Sensitivitätsprüfung zeigte: Geringe Änderungen einzelner Gewichte drehten die Rangfolge. Die Punktevergabe war nirgends begründet.
Was wir konkret getan haben. Kriterien auf Herkunft geprüft, K.o.-Kriterien aus dem Anforderungskatalog ergänzt; jede Punktevergabe schriftlich begründet; Sensitivität dokumentiert; Entscheidungsvorlage mit Optionen, Annahmen und Risiken erstellt – durchgeführt innerhalb von knapp sechs Wochen.
Was dabei herausgekommen ist. Die Rangfolge blieb bestehen, war nun begründet und hielt der Beiratsprüfung stand; die Freigabe erfolgte mit Auflagen. Kennzahlen für Warenbestand und Verpackungsmanagement wurden mit Kostenreduktionen von 17 % und 21 % in den Vertrag eingearbeitet und als Lieferung und Leistung für die Prozessoptimierung durch den Softwareanbieter festgelegt.
Was wir zunächst falsch eingeschätzt haben. Wir hielten die Matrix anfangs für reparabel. Tatsächlich war der Kriterienkatalog selbst die Schwachstelle – wir haben zu lange nachjustiert, statt neu aufzubauen.
Was wir daraus geändert haben. Seither prüfen wir zuerst die Herkunft der Kriterien, erst danach Gewichte und Punkte. Die Sensitivitätsprüfung gehört seitdem zu jeder Bewertung – Grundlage und Schlussfolgerungen haben damit eine belastbare Basis für Managemententscheidungen.
Ein Produktionsunternehmen stand kurz vor der Unterschrift: Der Vertragsentwurf des Anbieters lag vor, ein Nachlass war an einen Termin zum Quartalsende gebunden. Dreher Consulting hat den Entwurf inhaltlich geprüft, Stage-Gates und Abnahmekriterien in die Verhandlung eingebracht und die Entscheidung für Geschäftsführung und Bank dokumentiert.
Ausgangslage. Produktion und Montage im Baunebengewerbe mit insgesamt vier verbundenen Unternehmen. Phase: Vertragsverhandlung, Unterschrift terminiert. Auslöser: Unsicherheit der Geschäftsführung über die Entscheidungsvorlage (ERP-Vertrag) – sie wollte den Vertrag nicht ungeprüft unterzeichnen.
Was wir vorgefunden haben. Der Entwurf enthielt keine messbaren Abnahmekriterien, kein Change-Request-Verfahren und keine Ausstiegsoption nach der Konzeptphase. Die Mitwirkungspflichten waren offen formuliert – nahezu jedes Projektrisiko lag beim beauftragenden Unternehmen.
Was wir konkret getan haben. Abnahmekriterien an die Testfälle aus dem Entscheidungsdossier gekoppelt; ein Stage-Gate nach der Konzeptphase mit Ausstiegsrecht zu begrenzten Kosten verhandelt; Change-Request-Verfahren mit Freigabeschwellen definiert – bearbeitet innerhalb von drei Wochen als in sich geschlossene Beratung.
Was dabei herausgekommen ist. Wir haben empfohlen, den befristeten Nachlasstermin verstreichen zu lassen – gegen den Widerstand des Einkaufs. Der Vertrag wurde mit Gates, Abnahmekriterien und begrenzten Mitwirkungspflichten unterschrieben. Nach der Prüfung durch unsere unabhängigen ERP-Berater war die Einseitigkeit zu Lasten des Kunden aus der Vertragsgestaltung eliminiert.
Was wir zunächst falsch eingeschätzt haben. Wir hatten erwartet, dass der Anbieter die Abnahmekriterien ablehnt. Der Widerstand kam stattdessen aus dem eigenen Einkauf, der den befristeten Nachlass sichern wollte.
Was wir daraus geändert haben. Seither klären wir Rabattfristen zu Beginn jeder Vertragsbegleitung. Die Abstimmung mit dem Einkauf gehört seitdem in die erste Woche.
Ein Stage-Gate ist ein vorab vereinbarter Prüfpunkt, an dem das Projekt nur weiterläuft, wenn benannte Kriterien erfüllt sind – mit den Optionen fortführen, nachverhandeln oder abbrechen. Stage-Gates und Vertragsverhandlung sind der zweite und dritte Baustein des Modells „ERP-Entscheidungssicherheit" von Dreher Consulting, neben Entscheidungsdossier, Projektbegleitung und Nutzenbewertung.
Schritt 1 · Entscheidungsarchitektur festlegen
Mit dem DAA™ (Decision Architecture Assessment) klären wir, wer die Entscheidung trifft, wer zustimmen muss und wer angehört wird. Ein Beschluss mit unklaren Trägern lässt sich später weder verteidigen noch korrigieren.
Schritt 2 · Bewertung prüffähig machen
K.o.-Kriterien von gewichteten Wunschkriterien trennen, jede Punktevergabe schriftlich begründen, Sensitivität testen. Abbruchbedingung: Kippt die Rangfolge bei kleinen Gewichtsänderungen, trägt die Matrix die Entscheidung nicht.
Schritt 3 · Stage-Gates definieren
Je Projektphase ein Prüfpunkt mit benannten Kriterien, Unterlagen und Konsequenzen. Ein Gate ohne vereinbarte Ausstiegsfolgen ist ein Termin, kein Prüfpunkt.
Schritt 4 · Vertragsregeln verhandeln
Vier Regelungsbereiche entscheiden über die Steuerbarkeit: Ausstiegsoptionen, Change-Request-Verfahren, Abnahmekriterien und Mitwirkungspflichten – jeweils mit Zweck und Prüffrage dokumentiert.
Schritt 5 · Entscheidung dokumentieren
Die Entscheidungsvorlage hält Optionen, Kriterien samt Herkunft, Annahmen, Risiken und Begründung fest – prüffähig für Beirat, Bank und die eigene Geschäftsführung auch in drei Jahren.
Schritt 6 · Gate-Betrieb vereinbaren
Das Stage-Gate-Protokoll legt fest, wer Gate-Termine einberuft, welche Unterlagen vorliegen müssen und wie eskaliert wird. Ohne benannten Betrieb verfallen Gates im Projektalltag zur Formalie.
Ausstiegsoptionen
Ausstieg je Projektphase zu vertraglich begrenzten Kosten – insbesondere nach der Konzeptphase.
Change-Request-Verfahren
Geregelt, wer Änderungen freigibt, wie sie bepreist und wo sie dokumentiert werden.
Abnahmekriterien
Messbar und aus den eigenen Testfällen abgeleitet – die Grundlage, um Schlechtleistung nachzuweisen.
Mitwirkungspflichten
Abschließend beschrieben statt „angemessene Mitwirkung" ohne Definition.
Sieben Prüffragen zeigen, ob eine ERP-Entscheidung Beirat, Bank und der eigenen Rückschau standhält. Die Fragen decken Bewertung, Vertrag und Governance ab. Beantworten Sie jede Frage schriftlich und mit Beleg: Jedes „Nein" und jedes „Weiß nicht" markiert eine Lücke, die vor der Unterschrift zu schließen ist.
Ordnen Sie Ihre Entscheidungslage ein
Steht Ihre ERP-Entscheidung in den kommenden Monaten an, ordnen wir Ihre Lage in einem 30-minütigen Gespräch ein: Wo steht die Entscheidungsgrundlage, welche Vertragspunkte sind offen, was bleibt vor der Unterschrift zu klären. Ohne Präsentation, ohne Verpflichtung.
30-minütiges Einordnungsgespräch vereinbarenSoftware und KI verbessern in der Entscheidungs- und Vertragsphase die Informationsbasis – sie automatisieren nicht das Urteil des Beraters. Zuverlässig leisten Werkzeuge Datenaufbereitung, Vollständigkeitsprüfung von Vertragsentwürfen und Mustererkennung in Vertragsdaten. Nicht leisten können sie die Gewichtung widersprüchlicher Ziele, die Einschätzung von Menschen und Organisationen und die Verantwortung für die Empfehlung.
Dreher Consulting setzt dafür SCOReX® ein, ein eigenes KI-Modell zur Risikovermeidung in ERP-Projekten. Ob eine Ausstiegsklausel den Interessen des Unternehmens dient, bewertet ein benannter Berater – kein Modell.
Stage-Gates und Vertragsregeln reduzieren Risiken, sie beseitigen sie nicht. Das Vorgehen setzt voraus, dass ein Abbruch am Gate eine reale Option ist, dass vor der Unterschrift noch Verhandlungsspielraum besteht und dass eine Kanzlei die juristische Umsetzung übernimmt. Wer die Grenzen kennt, plant den Einsatz realistisch.
Dreher Consulting wird ausschließlich von den beauftragenden Unternehmen vergütet. Wir erhalten keine Provisionen von Softwareanbietern und keine Umsätze aus der Implementierung. Die Empfehlung in der Entscheidungsvorlage ist deshalb frei von wirtschaftlichem Eigeninteresse am Zustandekommen eines bestimmten Vertrags. Nach diesem Prinzip arbeiten wir seit 1992.
Fünf Fragen prägen die Gespräche kurz vor der ERP-Vertragsunterschrift: die Absicherung gegenüber Beirat und Bank, die notwendigen Vertragsklauseln, die Funktion von Stage-Gates, die Haftungsfrage und der richtige Verhandlungszeitpunkt. Jede Antwort steht für sich und ist ohne den restlichen Artikel verständlich.
Eine ERP-Entscheidung wird gegenüber Beirat und Bank durch Dokumentation belastbar: eine Entscheidungsvorlage mit Optionen, Kriterien samt Herkunft, protokollierten Annahmen, Risiken und begründeter Empfehlung – ergänzt um Stage-Gates als spätere Kontrollpunkte. Nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen entsprechen den Leitlinien des Governance Kodex für Familienunternehmen (4. Auflage, 2021).
Vier Regelungsbereiche sind entscheidend: messbare Abnahmekriterien aus den eigenen Testfällen, ein Change-Request-Verfahren mit Freigaberegeln, Ausstiegsoptionen mit begrenzten Kosten je Projektphase sowie abschließend beschriebene Mitwirkungspflichten. Ergänzend gehören Reaktionszeiten und Mängelregelungen hinein. Die juristische Formulierung übernimmt eine Kanzlei – die inhaltlichen Vorgaben liefert das Projekt.
Stage-Gates sind vorab vereinbarte Prüfpunkte zwischen Projektphasen, an denen anhand benannter Kriterien entschieden wird: fortführen, nachverhandeln oder abbrechen. Das Konzept geht auf Robert G. Cooper zurück (Business Horizons, 1990). In ERP-Projekten liegen Gates nach der Konzeptphase, vor der Datenmigration und vor dem Go-live.
Die Haftung richtet sich nach dem Vertrag – und scheitert häufig an fehlenden Grundlagen: Ohne messbare Abnahmekriterien lässt sich Schlechtleistung kaum nachweisen, ohne dokumentierte Mitwirkung wird dem Kunden Mitverschulden entgegengehalten. Die juristische Bewertung im Einzelfall gehört in eine Kanzlei. Vor der Unterschrift beeinflussbar ist die Beweislage: Kriterien, Protokolle, Verantwortlichkeiten.
Verhandelt wird am wirksamsten, solange Wettbewerb besteht – vor der Bekanntgabe des bevorzugten Anbieters und vor jedem befristeten Nachlasstermin. Nach der öffentlichen Festlegung sinkt die Verhandlungsposition. Befristete Rabatte sind ein Verhandlungsinstrument des Anbieters: Ein Nachlass, der die Prüfung des Vertrags verhindert, ist kein Nachlass.
Steht Ihre ERP-Entscheidung an, lohnt es sich, Bewertungsgrundlage und Vertragsentwurf vor der Unterschrift zu prüfen. Weitere Informationen zu unserem Ansatz finden Sie in unserer Übersicht über unsere ERP-Beratungsleistungen.
Die Serie „ERP-Entscheidungssicherheit":
Teil 1 – Warum ERP-Projekte scheitern, bevor die erste Zeile Code geschrieben ist
Teil 3 – Der Vertrag ist unterschrieben, jetzt beginnt das eigentliche Risiko
Die hier beschriebenen Muster begegnen uns besonders häufig in der Lebensmittelindustrie und in der produzierenden Industrie.
Quellen: Cooper, Robert G., „Stage-Gate Systems: A New Tool for Managing New Products", Business Horizons, 1990 · Kommission Governance Kodex für Familienunternehmen, „Governance Kodex für Familienunternehmen", 4. Auflage, 2021 · Trovarit AG, „ERP in der Praxis 2024/25", Aachen 2024 (1.717 Anwenderbewertungen).
Dr. Harald Dreher
Geschäftsführer, Dreher Consulting · Über 33 Jahre Beratungserfahrung im DACH-Mittelstand · Über 1.200 begleitete ERP- und Digitalisierungsprojekte · 100 % herstellerunabhängig · Steht der Unternehmensleitung persönlich für ein erstes Gespräch zur Verfügung.
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