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Wie digitalisiert man Produktion im DACH-Mittelstand?

Dr. Harald Dreher Autor:
Veröffentlicht: August 19, 2026  ·  4 Min. Lesezeit
Kurze Antwort
In Kürze. Die Digitalisierung der Produktion scheitert im DACH-Mittelstand selten an Technologie — sondern an OT/IT-Governance, Brownfield-Anforderungen und NIS2/CRA-Regulatorik. Das Industrie 4.0 Barometer 2026 zeigt DACH bei 48 Prozent Digitalisierungsgrad gegen 68 Prozent international. Bevor der erste Sensor verbaut wird, braucht das Vorhaben einen OT/IT-Lenkungskreis mit Entscheidungsmandat.

 

Warum das zählt. Das Industrie 4.0 Barometer 2026 zeigt: der internationale Digitalisierungsgrad ist von 48 auf 68 Prozent gestiegen — die DACH-Region bildet das Schlusslicht. 81 Prozent sehen Industrie 4.0 als Chance, doch nur 16 Prozent investieren international wettbewerbsfähig. Der Engpass ist nicht die Sensorik, sondern OT/IT-Governance.


Greenfield-Sensorik versus Brownfield-Realität

Die meisten Artikel zur Digitalisierung der Produktion gehen vom Greenfield-Szenario aus — neue Werkshalle, durchgängige Konnektivität, OPC-UA überall. Die DACH-Mittelstandsrealität ist Brownfield: Anlagen aus drei Jahrzehnten, Steuerungen mit unterschiedlichen Protokollen, gewachsene Schichtsysteme.

  • Greenfield-Annahme: jede Maschine spricht OPC-UA, jeder Sensor liefert strukturierte Daten, das MES kennt alle Aufträge in Echtzeit.

  • Brownfield-Realität: ältere Anlagen liefern Hex-Datenströme, manche gar nichts. Retrofitting ist teurer als die Steuerung selbst.

  • Konsequenz: Architekturentscheidungen müssen Brownfield-tauglich sein — sonst entsteht eine Sammlung digitaler Inseln neben dem analogen Tagesgeschäft.


OT/IT-Governance als bindender Engpass

Industrie 4.0 in der DACH-Realität scheitert selten an Technologie — sie scheitert an Verantwortungslücken. Die OT-Welt (Operational Technology — Steuerungen, Maschinen, Schichtbetrieb) und die IT-Welt (ERP, MES, Datenarchitektur) haben getrennte Sprachgewohnheiten, Eskalationswege und Sicherheitslogiken.

  • Konflikt 1 — Patching: IT will Patches in 30 Tagen, OT braucht Steuerungs-Freigaben des Herstellers — die dauern Monate.

  • Konflikt 2 — Netz-Trennung: IT-Security verlangt segmentierte Netze, Produktion verlangt Latenz unter zehn Millisekunden.

  • Konflikt 3 — Datenhoheit: wer besitzt die Maschinendaten — die Instandhaltung, die Fertigungssteuerung oder das Controlling.

  • Konflikt 4 — Regulatorik: DIHK-Daten zeigen: 42 Prozent der DACH-Unternehmen beklagen fehlende Kompetenzen — NIS2, EU AI Act und Cyber Resilience Act erhöhen diesen Druck.


Wo Produktions-Digitalisierungs-Projekte scheitern

Ein ostdeutscher Sondermaschinenbauer mit rund 380 Beschäftigten startete ein MES-Projekt zur Digitalisierung der Fertigungssteuerung. Sensorik wurde nachgerüstet, das MES ging produktiv — aber die Schichtleitung kannte das System nicht und führte ihre Tabellen weiter wie bisher. Sechs Monate nach Go-Live hatte die Geschäftsleitung zwei parallele Realitäten: die digitale (aus dem MES) und die operative (aus den Schicht-Tabellen). Die Akzeptanz auf dem Shopfloor war nicht eingeplant gewesen.

In der Praxis hilft eine Regel: jede Produktions-Digitalisierungs-Initiative braucht einen OT/IT-Lenkungskreis mit Entscheidungsmandat — vor dem ersten Sensor. Die methodische ERP-Auswahl behandelt dieselbe Governance-Frage auf ERP-Ebene; die Logik überträgt sich.


Was Sie als Nächstes tun

Wenn Sie ein Produktions-Digitalisierungs-Vorhaben verantwortbar aufsetzen wollen:

  1. Bilden Sie einen OT/IT-Lenkungskreis mit Entscheidungsmandat — vor der Werkzeugwahl.

  2. Klären Sie die Brownfield-Anforderungen je Anlagengeneration — Retrofitting-Aufwand pro Maschine, nicht pauschal.

  3. Verknüpfen Sie das Vorhaben mit NIS2- und CRA-Pflichten — Sicherheitsarchitektur ist kein nachträgliches Add-on.

Wenn Sie diese drei Schritte am Brownfield-Bestand durchspielen wollen, sondieren wir die Governance-Logik mit Ihnen in zwanzig Minuten — bevor das MES-Lastenheft entsteht.

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FAQ

Das Industrie 4.0 Barometer 2026 misst international 68 Prozent Digitalisierungsgrad — bis 2022 lag der Wert bei 48 Prozent. Die DACH-Region bildet das Schlusslicht hinter China und den USA. 81 Prozent der deutschen Industrieunternehmen sehen Industrie 4.0 als Chance — Investitionsbereitschaft ist niedriger.

OT bezeichnet Operational Technology — Steuerungen, Maschinen, Schichtbetrieb. IT bezeichnet ERP, MES, Datenarchitektur. Beide Welten haben getrennte Sprachen und Eskalationspfade. Industrie 4.0 setzt diese Welten zusammen — daran scheitern die meisten DACH-Projekte, weil Governance-Verantwortung nicht geklärt ist.

NIS2 verlangt Cybersicherheitsmaßnahmen für kritische Sektoren inklusive Fertigung. Der Cyber Resilience Act betrifft vernetzte Produkte. Der EU AI Act regelt KI in Produktionssteuerung. In Summe: Sicherheitsarchitektur muss zu Projektbeginn mitgedacht werden, nicht nachträglich.